Dr. Helena Ponstein
Weinberg mit PIWI-Rebsorten am Kaiserstuhl in Baden
Forschungsbericht · EIP-Projekt Zukunftsweinbau Baden

PIWI-Rebsorten und die Treibhausgasbilanz im Weinberg

Kofinanziert von der Europäischen Union · Gefördert durch das Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg · EIP-AGRI

Pilzwiderstandsfähige Rebsorten, kurz PIWI, benötigen deutlich weniger Pflanzenschutz als traditionelle Rebsorten. Doch wie stark wirkt sich das tatsächlich auf die Treibhausgasbilanz des Weinbaus aus? Diese Frage habe ich im EIP-Projekt „Zukunftsweinbau Baden“ für vier Betriebe am Kaiserstuhl über zwei Erntejahre untersucht.

Die Forschungsfrage

Treibhausgasemissionen und deren nachweisbare Reduktion gehören zu den wichtigsten messbaren Kennzahlen für die Nachhaltigkeit von Betrieben und Produkten – nicht zuletzt, weil die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) die gesamte Wertschöpfungskette einbezieht und damit auch kleine Weingüter betrifft, sobald ihre Firmenkunden berichtspflichtig sind. Der vorliegende Bericht beantwortet deshalb eine konkrete Frage: Wie viel Kilogramm CO₂-Äquivalent (CO₂e) sparen neue PIWI-Rebsorten im Vergleich zu traditionellen Rebsorten ein?

Methodik: vier Betriebe, zwei Erntejahre, drei Rebsorten-Kategorien

Ausgewertet wurden die Daten von vier benachbarten Betrieben aus Eichstetten und Bahlingen am Kaiserstuhl für die Jahre 2023 und 2024 – ein eher trockenes und ein niederschlagsreiches Jahr mit 77 % mehr Tagen mit Peronospora-Infektionen. Drei Viertel der Betriebe wirtschaften nach Ecovin, EU-Bio oder FairChoice®-zertifiziert. Unterschieden wurde zwischen neuen PIWI-Rebsorten (u. a. Souvignier Gris, Satin Noir, Cabernet Cortis), der älteren Sorte Regent und traditionellen Rebsorten. Regent wurde separat betrachtet, weil seine Pilzwiderstandsfähigkeit in der Praxis über die Jahre spürbar nachgelassen hat.

−13 %weniger THG-Emissionen pro Hektar durch neue PIWI-Rebsorten (2023, trockenes Jahr)
−73 %Kraftstoffverbrauch für Pflanzenschutz gegenüber traditionellen Rebsorten
−71 %weniger Pflanzenschutzmittel im niederschlagsreichen Jahr 2024
7–9weniger Durchfahrten für Pflanzenschutz pro Jahr und Hektar

Deutlich weniger Aufwand für Pflanzenschutz

Während für traditionelle Rebsorten 2023 im Schnitt 10 und 2024 sogar 13 Spritzungen nötig waren, kamen neue PIWI-Rebsorten mit knapp 3 bzw. 4 Durchfahrten aus – 7 bis 9 Durchfahrten weniger pro Jahr und Hektar. Entsprechend sank der Kraftstoffverbrauch für Pflanzenschutz in beiden Jahren um 73 %, die eingesetzte Menge an Pflanzenschutzmitteln um 66 % (2023) bzw. 71 % (2024). In Summe vermieden neue PIWI-Rebsorten dadurch 148 bis 166 kg CO₂e pro Hektar – rund 11 bis 13 % der gesamten Treibhausgasemissionen des Weinbaus in der Stichprobe, je zu einem Drittel durch weniger Pflanzenschutzmittel und zu zwei Dritteln durch den reduzierten Dieselverbrauch.

„Ein gesunder Boden ist für mich die wichtigste Grundlage für gesunde Reben und Trauben […] Ein Souvignier Gris verzeiht einem sehr viel. Da muss man nicht unbedingt fahren, wenn es zu nass ist, da bin ich nicht so termingebunden wie bei den klassischen Rebsorten.“

Florian Höfflin, Winzer, im Gespräch am 13.10.2025.

Mehr als Klimaschutz: Boden, Gesundheit, Arbeitszeit, Kosten

Die Treibhausgasbilanz bildet nur einen Teil des Nutzens ab. Die massive Reduktion an Pflanzenschutzmitteln senkt vor allem die Human- und Ökotoxizität des Weinbaus spürbar – ein Aspekt, der in der CO₂-Bilanz gar nicht erfasst wird, aber für die Gesundheit von Winzerinnen, Winzern, Mitarbeitenden und Anwohnenden erheblich ist. Hinzu kommen weniger Bodenverdichtung durch reduzierte Durchfahrten, weniger Arbeitszeit für eine gesundheitlich sensible Tätigkeit sowie geringere Bewirtschaftungskosten durch weniger Pflanzenschutzmittel, Kraftstoff, Maschineneinsatz und Arbeitszeit.

Einordnung: ein wichtiger Baustein, kein Alleskönner

Bezogen auf eine Flasche Wein relativiert sich der Effekt: Verglichen mit der Treibhausgasbilanz einer durchschnittlichen 0,75-Liter-Flasche Wein in der Einweg-Glasflasche (rund 829 g CO₂e) liegt die Einsparung durch PIWI bei nur etwa 2 % dieser Summe – denn der überwiegende Anteil der Emissionen einer Flasche entsteht nicht im Weinberg, sondern in Vinifikation und Verpackung. PIWI-Rebsorten sind damit eine von mehreren wirksamen Klimaschutzmaßnahmen im Weinbau, keine alleinige Lösung.

Fazit und Handlungsempfehlung

Der Anbau neuer PIWI-Rebsorten ist eine objektiv messbare Klimaschutzmaßnahme, die zusätzlich Boden, Gesundheit, Arbeitszeit und Bewirtschaftungskosten spürbar entlastet. Für Neuanpflanzungen ist der Einsatz von PIWI-Rebsorten daher zu prüfen – vorausgesetzt, ein tragfähiges Vermarktungskonzept sichert den Absatz der noch ungewohnt klingenden Sorten.

Das Projekt Zukunftsweinbau Baden

Dieser Bericht entstand im Zuge des EIP-Projekts „Zukunftsweinbau Baden. Transformation des Weinbaus auf PIWI und Bio und der Implementierung von Nachhaltigkeitskriterien für die g.U. Baden“.

Forschungsbericht, November 2025. Dr. Helena Ponstein.

Dieser Bericht wurde im Zuge des EIP-Projekts „Zukunftsweinbau Baden. Transformation des Weinbaus zur flächendeckenden Umstrukturierung auf Piwis und Bio, einer eigenen Hefe und der Implementierung von Nachhaltigkeitskriterien für die g.U. Baden“ erstellt.

Dieses Vorhaben wird finanziert mit Mitteln der Europäischen Union im Rahmen des ELER und mit Mitteln des Landes Baden-Württemberg.

Im Rahmen der Europäischen Innovationspartnerschaft „Produktivität und Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft“ (EIP-AGRI) werden Anreize für Innovationen gesetzt und Innovationsprozesse über eine Verbesserung des Wissensaustausches zwischen Innovationsakteuren, insbesondere zwischen Wissenschaft und Praxis, beschleunigt. EIP leistet einen Beitrag zu AKIS in Baden-Württemberg sowie zum Querschnittsziel XCO (Wissen, Innovation und Digitalisierung) im GAP-Strategieplan Deutschland.

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